Archiv für Juni 2008

texte kennen

ist das mitgroehlen bei konzerten nun eine bekundung der zuneigung oder doch die suche nach der gruppe, wobei die integration sogleich von hierarchisierungen begleitet wird, basierend auf spezifischen wissensvorspruengen? ein zutiefst stoerendes und peinliches tun ist es allemal, denn das sich in lautem gegroehle bahn brechende ekstatische erlebnis wird sogleich in die engen grenzen der sinnhaftigkeit verwiesen, indem es mit inhalten belegt wird, mit mehr oder weniger guten, herausposaunten gedankengaengen. selbst wenn der txt richtige positionen bezieht, werden diese durch das parolenhafte de-formuliert und ausgeblendet. die unmoeglichkeit des hoerens, neben einem weit aufgerissenen, spuckefetzen speienden mund stehend und selbst groehlend, muss wohl der gruppenbildungsprozess in progress sein – integration ohne reflexion und kommunikation, ueber das gemeinsame rekurrieren auf angebotene symbole.

bodenbelag

am naechsten morgen, nach dem konzert, sieht nicht nur der saal wuest aus, auch seine haptische topologie hat sich grundlegend geaendert. als haette sie sich parallel zu den perzeptiv-kognitiven verschiebungen entwickelt, die als folge von ausgiebigem konsum und zu wenig schlaf auftreten und alle denk- und wahrnehmungsprozesse in eine langsamere und fokussiertere art zwingen. der raum kann nicht mehr einfach durchschritten werden, die bewegung kann nur fokussiert passieren, die sohlen immer wieder muehsam vom boden abreissend. die ekstase des vorabends belegt den geist, den koerper und den raum mit einem eigentuemlichen klebefilm.

kulturkonservativer einschub

musik als reflexions- und emanzipationsprozess kann nur mit einem aktiven hoerer funtionieren, der bewusste hoersituationen herstellt in denen rezeption ungestoert passieren kann. ist musik lediglich beiwerk fuer den stoischen oder bewegten alltag, so verkommt sie zu einer hintergrundstrahlung und endet in identitaetspolitischem gekreische der grenzziehungen. dabei unterliegt diese identifizierung ironischerweise fast ausschliesslich konditionierungsprozessen, denn das was fuer ‚geschmack‘ gehalten wird ist lediglich ergebnis einer spezifischen reizarmut.

zeitliche implosion

grindcore – tack, tack, tack, oder doch taaaack? die geschwindigkeit der musik (irgendwo ueber 250 bpm) loest sie selbst auf. die blast-beats haben eine frequenz die ein unterscheiden zwischen den einzelnen impulsen unmoeglich macht. stillstand oder sogar eine rueckwaertsbewegung auf der zeitachse. die zeit, als genuine charaktereigenschaft von musik, loest sich auf. wird bei einer explosion in einem kurzen augeblick durch einen starken beschleunigungsimpuls geschwindigkeit und zerstoerung von materie geschaffen, so zerstoeren die impulse des grindcore seine eigene grundsaetzliche materialitaet – zeit – und erzeugen den eindruck einer konzentrierten zeit. implosion. die staendigen musikalischen veraenderungen und wandlugen resultieren im stillstand, als haette der grindcore das neoliberale reform- und anpassungstempo mitsamt seiner gesellschaftlichen petrifikation vorwegnehmen wollen.

integration ist wach

ist der egotronic rmx von ‚drei-tage-wach‘ nun die schon lange erwartete querfront zwischen theoriegeleiteten antideuschen hedonisten und hedonistischen feiernormalos, die ob ihrer nicht bildungsbuergerlichen herkunft ueber kein ideologisches ruestzeug verfuegen ihre feierabendeskapaden theoretisch zu unterfuettern? oder ein subversives projekt, dass durch die mithilfe bei der zerstoerung des volkskoerpers die emanzipation bringen soll?

drei-tage-wach als integrationsmaschine des positiven (oder sogar etwa menschlichen?) patriotismus. das wir konstruiert ueber das gemeinsame erlebnis, das gemeinsame lied, die schoenen fotos und erinnerungen als man sich, total druff und verschallert, in den armen lag. womit man in deutschland wieder bei der tradition des ‚wein, weib und gesang‘ waere, bzw. bei der integrativ-regressiven tendenz, die spachlicher ueberformung insbesondere von elektronischer tanzmusik, inne zu wohnen scheint. das gemeinsame singen, groelen oder kreischen gibt dem individuum scheinbar kraft, transzendiert es und fuegt es in die masse ein. dabei konstruiert nicht nur das ‚wissen‘ um den text das fremde. auch das ‚wollen‘, also der entschluss zur integration, zum gemeinsamen ist notwendig. an maschinengeraeusche eine – in den zu engen grenzen der sprachlichen kommunikation sich festfahrende – erzaehlung zu knuepfen, ist eine regregierung vor die von underground resistance postulierte sonic communication.

spontan

’spontan‘ ist, in seiner vermeintlichen negierung, der ausdruck der reproduktion der zeitlichen zurichtung durch die kapitalistische verwertung.

silber

CBOT Silver 5000 oz – last 17.377

lean hogs

Jul ’08 77.300 77.300 76.800 77.150

aufhebung des raumes

elektronische musik – als reines signal – hat keinen raum, keinen fluchtpunkt, keine dreidimensionalitaet. wenn die erfindung der perspektive in der renaissance die vernichtung der ewigkeit bedeutete, so konstituiert elektronische musik eine neue ewigkeit, die das leben transzendiert. um elektronische musik, oder besser: elektro-akustische signale, mit hilfe von analogen oder digitalen elektronischen instrumenten zu erschaffen braucht es im gegensatz zu bisherigen instrumenten keine luft, denn ihre urspruengliche quelle und ihr traeger ist der modulierte strom oder der zerhackte strom in form von bits. ein interface dass diese akustischen informationen direkt in synaptische signale uebersetzen und so die notwendigkeit von luft als ihren traeger ueberwinden helfen wuerde, ist die letzte konsequenz.

mnml

mnml als geraeuschkulisse des zum blossen funktionieren verkommenen ravens – vom prozess der realen abstraktion, der entkoerperlichung von geraeuschen zu doppelt gespiegelten repraesentationen ihrer selbst, jeglichen ekstatischen moments beraubt. war der techno ein taumelnder abgesang an den zu ende gehenden fordismus mit und durch seine maschinen, so ist mnml die jeder koerperlichkeit beraubte und zum informationsstrom reduzierte tanzanweisung des immateriellen kapitalismus. lohnarbeit als event verbindet sich mit feiern als reinem funktionieren.